eGENA – Cognitive Aid in der Anästhesie

 

Da ich mitten in der Einführung der eGENA-App der DGAI bin, wollte ich euch das Tool an dieser Stelle einmal vorstellen und auch Werbung dafür machen: Es ist sinnvoll, gut gemacht und völlig kostenlos!

Dabei handelt es sich um eine sogenannte Cognitive Aid in Form einer App mit Einsatz in Anästhesie-bezogenen Notfallsituationen. In anderen Ländern gibt es schon länger ähnliche Ansätze. Zum Beispiel hat mir vor einiger Zeit schon mal der Kollege von toxdocs.de ein „Notfallhandbuch“ gezeigt, das Anästhesie-Assistenten in Australien ausgehändigt wird. Ein anderes Cognitive Aid sind die allgegenwärtigen Poster an der Wand mit Flowcharts, die vermutlich noch nie jemand so richtig zur Kenntnis genommen hat, geschweige denn im Notfall… (und wenn sie länger hängen, werden sie auch noch vom aktuellen Wissensstand überholt – gefährlich!).

Hilfestellung in Notfällen – sinnvoll!

Man muss sich immer vor Augen führen: Auch wenn wir supertoll ausgebildet sind und viel Erfahrung haben, so sind wir immer noch Menschen. In stressigen Notfallsituationen ist es im Rahmen des Möglichen (oder anders ausgedrückt: eher recht wahrscheinlich), dass wir schon mal Dinge vergessen.

Bitte nicht falsch verstehen: Bestimmte Maßnahmen und Handgriffe müssen natürlich sitzen, ohne dass man dafür eine App zu Rate zieht (z.B. CPR-BLS, DOPES etc.). Aber wenn es komplexer wird und/oder noch seltene Zwischenfälle dazu kommen, wird es interessant (=gefährlich).

Das bedeutet: Natürlich ist eine App-Unterstützung nicht dafür da, einem unerfahrenen Assistenten den Fach-/Oberarzt zu ersetzen. – Hilfe zu holen in schwierigen Situationen ist nebenbei bemerkt auch für erfahrene Kollegen sinnvoll – . Es geht darum, eine Unterstützung in schwierigen Situationen haben sein, bei der auch erfahrene Kollegen an den Rand ihrer Möglichkeiten gelangen (Eklampsie, Maligne Hyperthermie, totale Spinale etc.)

Dabei kann eine App auf spezielle Maßnahmen / Untersuchungen aufmerksam machen, bei der Dosierung seltener Medikamente helfen (z.B. Dantrolen als prominentes Beispiel – wie häufig habt ihr das schon eingesetzt?), oder einfach nur einen Check bieten, ob man wirklich an jeden wichtigen Schritt gedacht hat.

Projekt eGENA – in a nutshell

Das Projekt „eGENA“ der DGAI setzt an dieser Stelle an. Es wird als Cross-Plattform-fähige App präsentiert, die sowohl online über Webbrowser am PC, als auch als offline-Version auf allen Smart-Geräten lauffähig ist.

Über große Buttons, die auch ich mit meinen Wurstfingern auf einem Handy problemlos bedienen kann, wird man in wenigen Schritten zum Ziel geleitet. Das geht über eine (langweilige) alphabetische Suche, eine Problem-Suche (ABCDE) oder den von manchen Webseiten bekannten „Körpernavigator“.

Nach Auswahl des passenden Problems erscheinen aufgeräumte kurze Checklisten, die man der Reihe nach durchgehen und abhaken kann. Das betrifft Sofortmaßnahmen, Diagnose und Therapie. Bei Bedarf können weitergehende Inhalte eingeblendet werden.

Die Infos sind nach meinen stichpunktartigen Kontrollen aktuell und sehr auf den Punkt gebracht. Man merkt, dass an der Entwicklung anästhesiologische Spezialisten beteiligt waren.

An dieser Stelle ein ehrliches: Hut ab, DGAI, gut gemacht!

Ideen zum Einsatz in der Praxis

Aber wie kann man die jetzt sinnvoll einsetzen? In einer Notfallsituation sollte zuerst einmal der Patient sofort-behandelt werden (das nennt sich „memory items“ abarbeiten, wie oben bereits angerissen – man sollte schon die ersten paar Minuten in so einer Situation alleine hinbekommen). Sobald sich die Dynamik der Situation dann etwas beruhigt hat, kann die App zu Rate gezogen werden.

Zwei Einsatzmöglichkeiten sind denkbar:

  • Die Handlungsschritte auf Vollständigkeit überprüfen durch den Behandler („Haben wir wirklich alles Nötige getan?“), oder
  • es gibt einen Kollegen, der die Checkliste laut vorliest, und bei positiver Rückmeldung einen Haken in der Liste setzt („Code-Reader“)

Das zweite Vorgehen wird sogar empfohlen. Da geht es um klare Aufgabentrennungen im Rahmen des Crisis Resource Managements. Nur wer soll das machen?

Da wir in der Anästhesie ein sehr enges Team mit der Fachpflege bilden, ist es im Grunde egal, wer die App zückt und den „Code-Reader“ spielt. Die DGAI empfiehlt, dass diese Rolle derjenige Kollege erfüllt, der zum Notfall zu Hilfe kommt und primär keine weitere Aufgabe zugewiesen bekommt.

Das trägt dem Rechnung, dass man die App nicht als Erstmaßnahme öffnen soll, sondern erst zur Vervollständigung von Maßnahmen.

Alle müssen an einem Strang ziehen: als Team!

Damit das aber funktioniert muss sowohl das ärztliche als auch das pflegerische Team die App zur Verfügung haben. Sei es auf ihren mitgeführten mobilen Endgeräten oder zur Verfügung stehenden PCs mit entsprechenden Lesezeichen und Schnellaufrufen. Dazu sind Schulungen nötig, die dafür sorgen, dass jeder einen Zugriff auf die App hat und zumindest schon mal gesehen hat, wie sie funktioniert.

Über die Webseite https://egena-app.de kann sofort losgelegt werden. Es ist aber auf jeden Fall sinnvoll, entweder ein Lesezeichen im Browser dafür zu setzen oder die App direkt herunterzuladen.

Weiterhin bietet die DGAI an, sich als „Projektklinik“ dem Projekt anzuschließen. Wenn man das tut, erhält man die Möglichkeit, Anpassungen an bestimmten Inhalten vorzunehmen, damit sie auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnitten ist (Telefonnummern, Medikamentennamen, Lagerorte von Materialien, …)

Wenn euch die App noch nicht bekannt war: Probiert sie doch mal aus! Damit lässt sich die Teamperformance in einer Notfallsituation sicher verbessern! Ich habe das in meiner Klinik in Angriff genommen. Wenn sich das bewährt, werde ich natürlich berichten J Oder gibt es vielleicht schon stille Mitleser hier, die schon Erfahrung damit haben? Würde mich interessieren! Entweder in den Kommentaren oder über das Kontaktformular.

Links:

Begeisterter Anästhesist mit Faible für Teaching und Medizininformatik.

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