Deckung – Blitzschlag!

 

Da ich mich in letzter Zeit sowieso viel mit Elektrik beschäftigt habe, ist es nur natürlich, dass jetzt auch der Blitzschlag an der Reihe ist. Für Beiträge zu Mikroschock und Explosionen im OP verweise ich an dieser Stelle auf die Beiträge, die Anfang des Jahres online gegangen sind.

Blitz-Kontaktschlag, Heike C. Ewert

Diesmal soll es aber um den klassischen Makroschock gehen: Blitze aus einer natürlich Quelle: der Gewitterwolke.

Wahrscheinlichkeit: gering

Kurz zur Epidemiologie. Vom Blitz getroffen zu werden ist recht unwahrscheinlich. In den USA wird die Inzidenz mit etwa 500 pro Jahr angegeben, mit 20-50 Todesfällen in den letzten zehn Jahren[1, 2]. Dafür, dass man denkt, Blitze seien so gefährlich, eine erstaunlich niedrige Letalitätsquote. In der Tat kann man schon vom Blitz direkt getötet werden, aber die Langzeitfolgen nach einem überlebten Blitzschlag können gravierend sein – zum Thema Lebensqualität und so. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 70-90%, aber Langzeitfolgen sind häufig [3].

Bei einem direkten Einschlag kommt es zum sogenannten „Flashover“-Phänomen: Der Blitz gleitet entlang der Haut bis auf den Boden. Dass Kleidung und Haut im Regensturm nass sind und somit besser leiten, verstärkt den Effekt. Die beobachteten Verletzungen sind deshalb auch nicht mit den typischen Elektro-Verletzungen, wie wenn man zum Beispiel in die Steckdose packt, vergleichbar.

5 Arten des Blitz-„kontakts“

Es gibt prinzipiell 5 Arten, mit dem Blitz in Kontakt zu kommen:

  1. Direkter Treffer: Blitz in Kopf in Boden. Das was man normalerweise annimmt. 3-5% aller Blitz-assoziierten Todesfälle, nur. Sicher ist auch der Flashover-Effekt dafür verantwortlich.
  2. Kontaktverletzung: Das Opfer hat während eines Gewittersturms direkten Kontakt zu einer nicht geerdeten Leitung gehabt. Beispiel sind Wasserleitungen oder der Telefondraht eines Festnetztelefons. Ebenfalls 3-5% aller letalen Zwischenfälle. Was soll jetzt noch kommen?
  3. Seit-Blitz (=side-flash). Der Blitz schlägt in ein Objekt ein, wie zum Beispiel einen Baum, bewegt sich bodenwärts und macht auf halber Strecke eine Seitbewegung zu einem nahestehenden Objekt, wie einem Menschen, der dort Unterschlupf sucht. 30-35% aller Todesfälle passieren auf diese Weise. Deshalb bei Gewitter nicht unter einen Baum stellen! Ebenfalls ist eine seitliche Weiterreise des Blitzes möglich, sodass noch mehr Leute betroffen sein können. Immer wieder werden auch Kuhherden auf einen Schlag getötet, wie in dem verlinkten Artikel, wo es 23 Kühe mit einem Blitzschlag dahin gerafft hat! Ansammlungen von Menschen sind also ebenfalls schädlich – zu Coronazeiten muss ich das wohl nicht extra sagen 😉
  4. Bodenleitung: Wenn ein Blitz in den Boden einschlägt, reist er noch ein Stück weiter durch das Erdreich. Dabei kann er auch zum Beispiel bei einem Menschen in einem Bein hoch und im anderen wieder herunterwandern, mit entsprechnden Verbrennugen, Faszikulationen etc. Hier beträgt die Todesfallrate 50-60%!
  5. Die letzte Art ist der aufwärts-steigende Blitz (upward-streamer). Durch die Spannungsunterschiede in Wolke und Boden kann es selten auch dazu kommen, dass sich ein Blitz am Boden formiert und durch das Opfer nach oben steigt. Dieser hat eine deutlich geringere Energie als das, was aus der Wolke kommt, ist aber genauso gefährlich! Die Todesfallrate liegt hier bei 10-15%

 

Side-Flash; Quelle: https://www.newsweek.com/electrocuted-cows-row-1459229

Viele Probleme entstehen durch die massive Hitzeentwicklung des Blitzes. Schweiß kann explosionsartig verdampfen und Kleidung oder Schuhe regelrecht vom Opfer absprengen. Auch innere Verletzungen können durch die schiere Gewalteinwirkung (Blast-Verletzung) entstehen, auch wenn sie nicht direkt mit dem Strom als solchem zusammenhängen.

Symptome und Klinik

Häufige Befunde sind eine Trommelfellperforation und Verbrennungen. Die sog. Lichtenberg-Zeichnung ist pathognomonisch, jedoch nur selten anzutreffen. Es handelt sich um ein baumartig verzweigendes Exanthem auf der Haut.

Heike C. Ewert

Die Elektroentladung und der periphere neurogene Schock kann zu sowohl einem Herz-Kreislauf- als auch einem Atemstillstand führen.

Durch die hohe Energieeinwirkung kommt es vermutlich zu einer synchronisierten Depolarisation aller Herzmuskelzellen und folgend einer prolongierten Asystolie. Reanimiert wird hier nach Standard. Häufig kommt es aber zu einer spontanen Erholung der Herzaktivität durch die eigene Automatizität.

Gravierender ist der prolongierte Atemstillstand, der vermutlich durch eine Überstimulation der Medulla oblongata ausgelöst wird. Denn selbst wenn die Herzaktivität nach dem Blitzschlag zurückkehrt, kann die Atmung auch für längere Zeit ausbleiben. Wir erinnern uns: Keine Atmung, kein Sauerstoff, Reanimation. Es kann also durch den Atemstillstand auch ein sekundärer Kreislaufstillstand (erneut) auftreten.

Eine evtl. Reanimation ist unverzüglich zu beginnen!

Im übrigen sind Blitz-Opfer ungefährlich. Man kann sie völlig normal reanimieren. In der Vergangenheit wurde wohl häufig vermutet, dass ihnen noch eine Restenergie anhaftet (zum Thema Eigenschutz). Das ist ausdrücklich nicht der Fall und sollte Reanimationsbemühungen nicht verzögern.

Viel interessanter ist natürlich eine Reanimation bei Gewitter. Da sollte man sich mit dem Patienten zunächst in Sicherheit begeben. Das wäre ein Auto (Stichwort: Faraday-Käfig) oder ein festes geerdetes Gebäude mit Blitzableiter (Zelte und fliegende Bauten gelten nicht!)

Im MANV gilt: „Tot Erscheinende“ werden zuerst behandelt!

Und wenn jetzt viele Menschen gleichzeitig betroffen sind? Dann gilt ausnahmsweise, dass man gerade diejenigen behandelt und reanimiert, die tot erscheinen. Diejenigen, die sich bereits wieder bewegen, haben offensichtlich einen Kreislauf und Atmung. Normalerweise würde man bei einem MANV ja anders triagieren. Cave!

Blitz-Bodenleitung, Heike C. Ewert

Das restliche Prozedere kommt sehr auf das genaue Verletzungsmuster an. Im Prinzip alle Organsysteme können Langzeitschäden davon tragen. Ein Hauptaugenmerk möchte ich auf die psychologischen/psychiatrischen Folgen lenken: Von Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, über Verhaltensauffälligkeiten bis zu Phobien, Depressionen oder Wesensveränderungen ist alles im „bunten Strauß“ enthalten.

Die Frage ist eigentlich – statistisch gesehen – nicht, ob man einen Blitzschlag überlebt (das ist recht wahrscheinlich), sondern welche Langzeitfolgen man davon trägt.

Faustformel zum Eigenschutz: 30-30

Zuletzt noch eine Faustregel, was man bei Gewitter zum Eigenschutz zu tun hat: Die 30-30 Regel, entwickelt im 1998er Lightning Safety Meeting. Die erste 30 bezieht sich auf den Abstand zwischen Blitz und Donner. Wenn dieser unter 30 Sekunden liegt, sollte man schleunigst Schutz suchen. Dann befindet sich die Gewitterzelle in einer Entfernung weniger als 10km. Die zweite 30 bezieht sich auf die Zeit, nachdem der letzte Blitz aufgetreten ist. Man sollte mindestens 30 Minuten gewartet haben. Wenn wieder ein Blitz auftritt, wieder schnell in Sicherheit. Blitze sind letztlich unberechenbar, deshalb sollte man da nicht verharmlosen.

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